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German Masters of Drumming
29.6.2001, Tübingen, Sudhaus
 
 

 
Treff der Superdrummer im Sudhaus

Poltergeister schlagen zu

Joachim Fuchs und Arno Haselsteiner hauen auf die Pauke - virtuos

Dank des umtriebigen Metzinger Schlagzeuglehrers Joachim Fuchs-Charrier und des Dettinger Musikfachgeschäfts Beck wurde vergangenen Samstagabend in der Schillerhalle das erste Dettinger Percussion-Festival aus der Taufe gehoben. Rock, Funk, Afro und Jazz wurde auf dem Plakat versprochen, gespielt auf westlichen und afrikanischen Schlaginstrumenten. Als special guest war der bestbekannte Jazz-Schlagzeuger Charly Antolini eingeladen. Er mochte wohl auch entscheidend dazu beigetragen haben, dass die Turnhalle ausverkauft war und die Veranstaltung zu einem Erfolg geriet. Drei Stunden dauerte der Trommel-Treff: Joachim Fuchs-Charrier und Arno Haselsteiner mit Band trafen sich zum "German Masters of Drumming", das diese Bezeichnung verdiente - auch wenn zwei weitere Schlagzeuger abgesagt hatten.
Schlagzeugspielen in einer Jazz- oder Rockband - so in etwa das landläufige Vorurteil - gilt als leichter *Job. Da müsste man kaum die grauen Zellen anstrengen, sondern vor allem den Bizeps betätigen. Irrtum. Von wegen möglichst viel Lärm in möglichst kurzer Zeitmachen. Der Mann am Schlagzeug fühlt den Puls, er ist für den Groove einer Band verantwortlich, für ihren Esprit, ihren möglichst unverwechselbaren Charakter. Keine Aufgabe für simple Rhythmusknechte, sondern ein Amt, das besser nur an die Besten vergeben wird. Als alles andere als einfältige Rhythmusknechte erwiesen sich auch die beiden Drummer, die im mit mehr als 250 Besuchern beinahe ausverkauften Sudhaus auftraten: Arno Haselsteiner, die feinnervig-sensible Vaterfigur eines exquisiten Schlagzeugspiels, und der impulsive, ganz aus dem Körper heraus agierende Joachim Fuchs-Charrier.
Eine Spannweite wurde da geboten, die weite Bereiche heutigen Schlagzeugspiels umreißt. Rhythmische Muster, einander zugeworfene Impulse, Zonen zischelnder Stille und heftigster, Schlagentladung schmiedeten denn auch das Konzert zu einer stimmigen Einheit zusammen. Kein Wunder, die beiden haben schon öfter in den vergangenen Jahren miteinander musiziert.
Offenkundig hat die Spannung und das sinnliche Vergnügen dabei keine Spur nachgelassen. Mit Haselsteiners Rockjazz-Formation führten die beiden vor, was es heißt, wenn sich zwei gegensätzliche Charaktere nicht nur begegnen, sondern sich immer wieder Bälle mit Drive und Impuls zuspielen.
Im Reagieren aufeinander, im Fortspinnen in rhythmisch-metrische Regionen, die aus der Spannung von Erwartetem und Überraschung leben, führten die beiden einen inspirierten Dialog mit fulminantem Verve und zartem Klangsinn. Man kennt sich, der Austausch untereinander ist aber noch längst nicht an Grenzen gestoßen.



Haselsteiner, der unter anderen mit Matthew Garrison, Yehudi Menuhin, Dusko Goykovic und Udo Jürgens zusammenspielte, gilt seit Jahren als Idealbesetzung, wenn ein distinguierter Drummer gefordert ist. Ein Spieler, der nicht mit unsensiblem Powerplay zu beeindrucken weiß, sondern durch die leisen Töne. Großartig, wie der Trossinger Schlagzeug-Dozent ein Spannungsgefüge aufzubauen versteht, wie er die Soli seiner Mitspieler mit leichtem Backbeat hervorhebt, sich dann aber im entscheidenden Moment zurücknimmt.
Der Höhepunkt sollte aber erst noch kommen: Lokalmatador Joachim Fuchs-Charrier aus Metzingen konservierte während seines fulminanten Solos mit dem Titel "Musik der Poltergeister" das Rockgetönte Jazzfeeling, indem er es durch erstaunliche Spieltechnik maschinengenau reproduzierte. Selten hört man einen Drummer so temperamentvoll spielen. Zugleich hat er im Vergleich zu früheren Auftritten noch an Hellhörigkeit, Sensibilität und Nuancenreichtum dazugewonnen. Dagegen wirken andere Drummer-Soli wie behutsame Lockerungsübungen. Fazit: Das gewiss überwiegend aus Schlagzeug-Fans bestehende Publikum erlebte einen abwechslungsreichen Abend, der durch einen unbekannten Jongleur-Virtuosen und die Tanzeinlagen des Tübinger Tanz & Trommelensembles "Rafetna" abgerundet wurden.


Jürgen Spiess, Südwest Presse, 2.7.2001
 

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