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Internationales Schlagzeug- und Percussion-Festival
27. und 28.7.1996, Metzingen, Stadthalle
 

 
Ein Drummer macht eine Veranstaltung für Drummer. So könnte man dieses Event auch überschreiben. Das Konzept einer solchen Veranstaltung ist bekannt, einige Besonderheiten gab es dennoch; viele nationale und internationale Trommler und Percussionisten, eine Stadthalle, zwei Tage volles Programm – aber nicht in Koblenz, sondern südlich von Stuttgart in einer Kleinstadt namens Metzingen wurde sich getroffen, der Veranstalter war auch kein Laden, sondern ein Drummer: Joachim Fuchs-Charrier, der in Metzingen wohnt und dort auch unterrichtet. Hut ab vor seiner Courage, ein solches Festival, das anderswo zehn Jahre zur Entstehung brauchte und ohne den Rückhalt eines eigenen Betriebskapitales zu veranstalten! Joachim Fuchs-Charrier hatte dafür eine ganze Menge Drummer und Musiker-Kollegen eingeladen, die auch alle kamen, bis auf zwei, die wegen Krankheit absagen mussten. Und es sollte keine reine Drum-Veranstaltung werden, sondern es sollte auch „Musik“ gemacht werden. Die Stadthalle bot zu alldem das richtige Ambiente sowie eine tolle Akustik für die abwechslungsreichen Drum-Sounds, die dort von den Künstlern geboten wurden.
Auch konnten im Foyer einige Firmen wie der Vertrieb M & T, die Firmen Meinl sowie Sonor, die sich im übrigen auch unterstützend gezeigt hatten, sowie die Drummer's Focus Schule/Stuttgart und einige Läden jeweils eine kleine Ausstellung präsentieren.
Die Liste der Musiker ist lang, hier ein paar der bekannteren Namen: Thomas »Lui« Ludwig (Jule Neigel), Tal Bergman (Billy Idol), Werner Schmitt (Hugo Strasser), Joachim Fuchs-Charrier (Solist und Veranstalter) die d&p Autoren Michael Küttner und Jose Cortijo, Manni von Bohr, aber auch bekannte Namen aus anderen Trommel-Spezialgebieten: Heinz von Moisy, Alfons Grieder Ensemble (Basler Trommeln), Wieland Schreiber (Mallets), Michael Skinner (Mallet und Rudimental), Naser Mehravar (persische Tonbak), Raimund Engelhard (indische Musik), dazwischen kamen auch regional bekannte Trommler zu Wort. Interessant und vor allem abwechslungsreich war die Gestaltung des Programms, unterhaltsam bis witzig die Darbietungen von Aziza (orientalischer Tanz), Andy Schütz (Percussion) mit Martin Wagner (Accordeon), der Six Pack Rhythm Batucada Band und dem - treuen d&p-Lesern längst bekannten - Exhausted Groove Orchestra.Pete York und Charly Antolini mussten allerdings aus Gesundheitsbedingten Gründen absagen, dennoch kamen die ca. 450 Besucher (leider nur) voll auf ihre Kosten.



Der erste Tag: Einen schwungvollen Anfang machte Matango, ein afrikanisch-deutsches Ensemble mit traditionellen Rhythmen. Es folgte Jose Cortijo, im Programm mit afrocubanischer Musik angekündigt, mit seinem Duoprogramm, mit dem er auf Tour gehen wird, unerwarteterweise mit viel Elektronik, Pads und Loops. Ganz anders die Musik von Michael Küttner, bekannt für seine afrikanisch-jazzigen Soli aus seinen »Pictures out of a Drumbook«; der hieraus am Drumset solo und im Duo mit Raimund Engelhardt an Tablas, Rabab und Rahmentrommel traditionelle indische Kompositionen spielte. Achim Fischer ist Congaspieler und ließ mit seinem latinbasierten Spiel Stimmungen entstehen, die bis zur Meditation gehen. Etwas extrovertierter war der Auftritt von Manfred Kniel, eher als Jazz-Trommler bekannt, der mit Klapp-Drumset und tollem Sound, viel Humor und irre erzählten Stories wie die »Komposition aus dem Eis« viel Spaß und gute Unterhaltung mitbrachte. Der nächste Programmbeitrag kam von Michael Skinner, zweiter Vorsitzender der englischen PAS (Percussive Arts Society), Schlagzeuger des London Opera House und bekannter Lehrer und Komponist von Rudimental Kompositionen. In seiner ca. 25minütigen Performance auf Snare und Becken legte er seinen Schwerpunkt auf schottisches Rudimental Drumming und demonstrierte einige Basic Rudiments. Heinz von Moisy informierte in einem Vortrag. nut verschiedenen Demonstrationen vom Band und live auf der Trommel, was z.B. das Besondere im Spiel der Latin-Musiker ist sowie über Sounds und Drumgeschichte. Dann folgte der nächste Hit des Tages: das zum Saal hinaus (und wieder hinein) musizierende »Exhausted Groove Orchestra-, lustig wie immer und fast schon kein Geheimtipp mehr. Kosten: vier volle Biergläser. Anstelle des erkrankten Pete York wurde von den diversen anwesenden Drummern kurzerhand eine Session zur Genesung veranstaltet. Mit dabei: Michael Küttner, Werner Schmitt. Tal Bergmann, Arno Haselsteiner sowie Joachim Fuchs-Charrier. Dadurch, dass Matango auf einem weiteren Auftritt bestand geriet das nun folgende Programm etwas in Verzug. Danach präsentierte Werner Schmitt. bekannt als der Bigband-Drummer Deutschlands per se mit viel Humor und Spielwitz ein wunderschönes Solo, auch mal über Hardware und Bühnenboden hinwegspielend. mit einer kleinen Hommage an Steve Gadd. Ganz etwas Ausgefallenes der nächste Programmpunkt: Bauchtanz. Aziza bot gute Unterhaltung mit orientalischer Choreographie. Eine weitere faszinierende Vorstellung war die von Naser Mehravar auf der traditionellen persischen Tonbak. An sich nur kurz, aber sehr schön ins Licht gesetzt und so spannend, dass selbst kleine Kinder ganz gebannt zuschauten. Andy Witte von der Drum-Schule »Drummer's Focus«/Stuttgart stellte das Schulkonzept, einen seiner Lehrer und sich selbst vor: zu einem gelungenen Playback wurde zu zweit routiniertes Fusion-Drumming geboten. Etwa um zwei Uhr mitten in der Nacht fand die letzte Veranstaltung des Tages statt: Joachim Fuchs-Charrier, der aus Zeitgründen auf seinen Programmplatz am Nachmittag verzichtet hatte, setzte den Schlusspunkt des Tages mit seinem furiosen Solostück »Atambor«, gefolgt von einer Improvisation für Querflöte und Bassdrums sowie einer Version des John Lennon Titels “Working Class Hero« für D et und Gesang.



Am zweiten Tag, dem Sonntag, begann das Programm mit dem Alfons Grieder Ensemble, das in perfektem Zusammenspiel einen Einblick in die Welt des Basler Trommelns vermittelte. Da Charly Antolini wegen einer Erkrankung ausfallen musste, schloss sich direkt danach die knapp einstündige Solo-Power-Performance von Joachim Fuchs-Charrier an. Die mit großer technischer Perfektion gespielte Minimal Music von Wieland Schreiber auf dem Marimbaphon bildete danach einen schönen Kontrast. Nächster Programmpunkt war Arno Haselsteiner, selbst Schüler von Antolini. mit Drum-Solo und Fusion-Play-Alongs. Jetzt wurde es witzig: Andy Schütz, Percussion) Lind Martin Wagner (Akkordeon ~ % ertonten einen Abend in den Alpen einmal 2anz anders (weit weg vom Klischee) und hatten damit die ersten Lacher des Taues auf ihrer Seite. Nun folgte einer der ersten Höhepunkte des Tages: mit einem wahren Beifalls-Sturm wurde die High-Energy-Performance von Manni von Bohr gefeiert. Weiter ging es mit einem gut aufgelegten Tal Bergmann, der mit nagelneuen Play-Alongs frisch aus dem Studio aufwartete und nach und nach das Publikum in sein Instrument integrierte. Guter Dirigent! Bevor Thomas »Lui« Ludwig die Bühne für sich allein bekam, wurde es erst noch richtig laut. Als »German Drum Power feat. Tal Bergmann« gaben Joachim, Arno, Manni, Lui. Michael und Tal gemeinschaftlich Gas. Mit viel Spielfreude wurde wieder einmal demonstriert, dass, wer Musik macht, sich auch ohne Worte verstehen kann. Lui fasste sich in seinem »Solo zur Drum Machine« kurz. zeigte komprimiert, was man unter metrischer Modulation versteht. Als nächstes folgten einige Stücke eines traditionell westafrikanisch-deutschen Trommelensembles namens Watosita mit dem bemerkenswerten Djembespieler Ibro Konate, Sohn des bekanntem guinesichen Trommlers Famadou Konate als Gast, was allerdings nicht im Programm vermerkt war. Etwas fürs Auge boten die geradezu akrobatischen Künste des »Trickdrummers« Didi Trabert, für den Trommelstöcke zu mehr als nur zu den Mühlespielen gut sind. Vorletzter Programmpunkt war der Auftritt von Rudi Leichtle mit seinem melodischen Spiel auf einem ganz normalen Drumset. Den Abschluss des langen Abends machte die »Six Pack Rhythm Batucada Band«, die es mit brasilianischer Karnevalsmusik fertig brachte, um etwa ein Uhr noch den ganzen Saal auf die Beine und in Schwung zu bringen.
Alles in allem war es eine wunderschöne Veranstaltung, mit einer Menge guter Musik, hohem künstlerischem Niveau und bester Stimmung, die hoffentlich im nächsten Jahr mit etwas mehr Publikum, denn das hätte sie verdient- wieder über diese Bühne gehen wird.


Brigitte Volkert, drums & percussion, 5/96
 

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