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Night of Superdrumming
21.3.1998, Tübingen, Sudhaus
 
 

 
Sechs Drummer im Rampenlicht

Pete York und Joachim Fuchs-Charrier präsentierten am 21. März 1998 im "Sudhaus" in Tübingen eine Neuauflage von " Superdrumming" unter Mitwirkung der Trommelgruppe „Rafetna“, der „Fuchs-Goos Band“ und den sechs Drummern Jörg Bach, Arno Haselsteiner, Werner Schmitt, Jim Chapin sowie natürlich Joachim Fuchs-Charrier und Pete York, dem die Rolle als „entertainender Schlagzeuger“, die er bei der Live-Version eines deutschen „Superdrumming“ einnahm, sehr zusagte. Im drolligen, englisch-deutschen Kauderwelsch moderierte er die con Joachim Fuchs-Charrier arrangierte Nacht der Schlagzeuger. An die 300 Leute lockte das viel versprechende Programm ins Tübinger „Sudhaus“.
Zum Auftakt spielte die zehnköpfige Gruppe „Rafetna“, ein zwar „afrikanisches“, aber durchweg „weißhäutiges“ Trommelensemble aus der Region. Die acht Frauen und zwei Männer trommelten und tanzten den „Doundounba“ und „Jankade“ und verliehen damit dem Abend eine klangvolle und farbenfrohe Einstimmung.
Jörg Bach machte den Anfang in der Drummer-Riege und nahm seinen ehemaligen Lehrer Jim Chapin gleich mit auf die Bühne. Der trommelte zunächst aber gar nicht, sondern ließ seine Stimmbänder spielen: Souverän sang der legendäre, mittlerweile 79jährige Drummer und Lehrmeister „All of me“, kompetent begleitet vom ehemaligen Schüler (und jetzt selbst Schlagzeuglehrer) Jörg Bach. Der wiederum überraschte im Solo mit ungewöhnlichen Snaredrum-Sounds: Zuerst mit den Händen, dann mit Paukenschlegeln entlockte er dem „Herzstück jedes Schlagzeugs“ einige ungewöhnliche Klänge. Doch auch mit den Sticks zeigte er sein Können, so zum Beispiel beim „modified pull-out“ mit der linken Hand, einer Art „Ein-Hand-Wirbel“, dazu trommelte er virtuos – stets mit Blickkontakt zum alten Jim – was das Zeug hielt.
Begleitet von der „Fuchs-Goos Band“ griff Jim Chapin anschließend selbst zu den Sticks – ohne jedoch auf den Gesang zu verzichten: Wie der gute alte „Satchmo“ Louis Armstrong intonierte Jim den Standard „Cherokee“ und danach noch einen Blues. Den drei Musikern (Gitarre: Werner Goos; Saxophon: Knut Rössler; Kontrabass: Johannes Schaedlich) schien es sichtlich Spaß zu machen, so stilistisch verschiedene Drummer zu begleiten. Und so betrachteten sie es dann auch als eine „echte Herausforderung“, am gleichen Abend zwischen so unterschiedlichen Generationen und „Musik-Epochen“ stilistisch hin und her zu wechseln.
Den folgenden Programmpunkt bestritt der „Schirmherr, Entertainer und Moderator“ in Personalunion: Pete York himself. Auch Pete bot einige Kostproben seiner Gesangskunst, und zwar mit „It don’t mean a thing, when it ain’t got no swing“ und einem Medley aus „Flip Flop Fly“ und „Shake, Rattle & Roll“. Außerdem swingte er bravourös durch eine tolle Version Brian Augers „Freedom Jazz Dance“. Pete York geht es beim Schlagzeugspielen nicht so sehr um technische Perfektion oder gar um „die Zurschaustellung seiner selbst“ wie er angesichts seines meisterlichen Könnens ganz bescheiden vermerkt. Pete will mit seiner Spielweise vielmehr erreichen, dass die Band, in der er spielt, groovt und swingt – und dass das Publikum sich dabei wohlfühlt. Und darin hat er reichlich Erfahrung, denn „spielend“ hatte er die Zuhörer schnell auf seiner Seite.

Joachim Fuchs-Charrier, Jim Chapin und Rafetna


Ständig an neuen Techniken und Ausdrucksmöglichkeiten feilend, setzt Joachim Fuchs-Charrier bei jedem weiteren Auftritt in der Öffentlichkeit noch eins drauf – so auch an diesem Abend. „Rhythms of a lifetime“ hieß das 40minütige Drum-Gewitter, wofür es vom Publikum wohlverdiente Standing Ovations gab. Der Tübinger Schlagzeuger beeindruckte durch gnadenlose Präzision, mit perfektionierter Snap-Up-Technik an den Cymbals, durch virtuose Bassdrum-Figuren mittels des Double-Bassdrum-Pedals in „Heel-Toe“-Technik gespielt und nicht zuletzt einer großen Dynamik und hoher Musikalität im Spiel.
Werner Schmitt hatte übrigens die nicht allzu einfache Aufgabe, nach dem fulminanten Solo von Joachim Fuchs-Charrier, seine Performance darzubieten. Der Münchner Schlagzeuger und Musikdozent meisterte dies allerdings ohne Probleme, indem er die Stimmung mit klassisch swingend, fließend groovend und auch recht funky klingende Rhythmen in eine locker-relaxte Atmosphäre wandelte. Werner ist ein „…natürliches Bedürfnis, Rhythmus zu machen…“, was er unter anderem auch mit nur zwei Sticks, am Mikrofonstativ und auf dem Bühnenboden gespielt, eindrücklich bewies. Es muss eben nicht immer nur „laut“ sein, wenn ein Drummer auf die Bühne tritt!
Arno Haselsteiner, von dem immerhin Altmeister Jim Chapin sagt, er habe noch nie einen schnelleren Schlagzeuger gesehen, begann mit Mallets auf den Toms gespielt eine frei gestaltete Einleitung zu „Mercy, mercy, mercy“. Doch bei seinem Drumsolo hielt er sich angesichts des schon recht fortgeschrittenen Abends doch etwas zurück, obwohl er „…noch ewig hätte weiterspielen können!“
Zu einem gelungenen Abschluss brachte diese „Night of Superdrumming“ dann der wiederholte Auftritt von „Rafetna“, deren afrikanische Grooves auch Jim Chapin so gut gefielen, dass er abseits der Bühne auf dem Übungs-Pad den „Jagdtanz“ aus dem Senegal und den „Liberté“ aus Guinea eifrig mittrommelte.
Die Begeisterung des Publikums ließ dann allerdings noch keinen Schluss zu. Noch einmal versammelten sich die sechs beteiligten Drummer auf der Bühne und jammten munter los. Unter Anleitung von Pete York ertönten sechs Schlagzeuge einstimmig zu „It’s all over now“ und das spontane „Drum-Orchester“ spielte, als hätte es jahrelang dafür geprobt. Chorus für Chorus zeigte jeder der sechs Profis noch einmal das ganze Spektrum seines musikalischen Könnens, bevor die „Trommelnacht“ in einem furiosen Schlussakkord endete – und dem Attribut „Superdrumming“ vollauf gerecht worden war!
Man muss den beteiligten Musikern für ihre tollen musikalischen Darbietungen und vor allem dem Initiatoren Joachim Fuchs-Charrier für seinen Einsatz ein großes Lob aussprechen sowie angesichts der Begeisterung aller anwesenden (Musiker und Publikum) der Hoffnung Ausdruck geben, dass so ein wunderbarer Event unbedingt eine Wiederholung findet.


Anne Ulrich, Sticks, 6/1998
 

 
Endlich ganz vorn

Sechs Superdrummer im Tübinger Sudhaus

Was in drei Teufels Namen, bringt eine Handvoll exzellenter Schlagzeuger dazu, ihren Platz im Maschinenraum der Band zu verlassen und sich mitsamt ihrer Schießbude im Zentrum der Bühne zu platzieren? Wenigstens einer der sechs „Superdrumming“-Drummer, die sich am Samstagabend im Sudhaus versammelten, gibt eine Antwort. Der Metzinger Joachim Fuchs-Charrier setzt sich, mit Jazztrommel und zwei Besen bewaffnet, ganz allein ins Scheinwerferlicht und singt seine Version von Lennons „Working Class Hero“. Derzufolge beginnt das schwere Los, ein „drummer in Germany“ zu sein, unmittelbar nach der Geburt („as soon as you’re born they’re making you feel small“), und später wird es auch nicht viel besser.
Um sich als Held der tanzenden Stöcke, wummernden Fußmaschinen, zischenden Hi-hats, crashenden Becken zu profilieren, ist so eine Leistungsschau wie der von Pete York angeführte (und ausgesprochen unterhaltsam moderierte) „Superdrumming“-Auftrieb gerade recht. Und wer aufreibende Harmoniewechsel, schräges Saxgequietsche oder angestrengtes Pianogeklimper beim Jazz nur als Vorspiel zum eigentlich wesentlichen Schlagzeug-Solo ertragen kann, ist im voll besetzten großen Sudhaus-Saal genau am richtigen Platz: Fast vier Stunden lang Getrommel, unterbrochen von einigen nicht weiter erwähnenswerten Einwürfen der (im Prinzip sehr kompetenten) Fuchs-Goos-Band, die bei Bedarf als mäßig motivierte melody-and-harmony-section mit auf die Bühne darf. Ein Fest vor allem für die zehnjährigen Nachwuchs-Drummer in elterlicher Begleitung, aber auch für andere Rhythmiker.

Jim Chapin


Endlich also die Hintermänner vorne an der Bühnenfront. Und jeder macht etwas anderes daraus. Zuerst demonstriert Jörg Bach, dass man sich nicht viel, sondern bloß richtig bewegen muss, um den Stick mit der Linken in irrwitzigem Tempo auf der Snare hüpfen zu lassen. Dazu gibt der Schlagzeuglehrer des Schlagzeuglehrers mit nicht eben begnadeter Stimme vertraute Weisen wie „All of Me“ zum Besten. Jim Chapin, (79), Autor eines 50 Jahre alten schlagzeug-pädagogischen Steady-Sellers und schon bei Duke Ellington für den Groove zuständig, scheint Gefallen dran zu finden, sich endlich mal als Sänger zu profilieren (ein Mikro nebens Schlagzeug? – „That’s a good idea!“). Aber er bringt die Band auch mit schwindelerregendem Bebop-Tempo und dabei gnadenlos aufs Becken geschlagenem Off-Beat ganz schön ins Schwitzen. Conferencier Pete York demonstriert mit dem Splash-Becken in der Hand, dass auch ein Rock-Schlagzeuger ganz ohne großes Gerät den „Schwing“ im Blut haben kann. Furor teutonicus dagegen beim Lokalmatador: Rhythmen zuhauf, Virtuosität im Quadrat, so rackert sich Joachim Fuchs-Charrier bei seinem Mammut-Solo ab. Ist es wirklich so schwer, Drummer in Germany zu sein?
Man kann mit einem Schlagzeug auch Musik machen. Beim James-Last-Drummer Werner Schmitt klappt das ganz unprätentiös, und Arno Haselsteiner zieht mit. Schließlich, inzwischen ist es Mitternacht geworden, tanzen und trommeln „Rafetna“ präzis und zugleich unheimlich eingeboren über die Bühne. Als Finale dann das große Getöse: Alle sechs Drumsets in Bewegung. „It’s all over now“, grölt Pete York ins Mikro.
Es war einfach eine gute Party. Session-Atmosphäre wie in den Siebzigern oder Workshop-Abschluß-Konzert. Die Zehnjährigen werden noch begeisterter in die Musikschule gehen. Die Dreißigjährigen werden einsehen, dass ihnen selbst eine zusätzliche Übungsstunde pro Woche nicht entscheidend weiterhelfen wird. Wir anderen aber freuen uns aufs nächste Jazzclub-Konzert. Wo die Männer mit den flinken Fingern, die Helden der Rhythmus-Arbeit wieder unauffällig präsent ihren Dienst verrichten – als Hintermänner.

Peter Vorbach, Schwäbisches Tagblatt, 23.3.1998
 

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