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Mysterious Drumming

In der Tat scheint Joachim Fuchs-Charrier eine Ausnahme unter den Trommlerkollegen zu sein, denn selten trifft man auf einen Schlagzeugkünstler, der sich in derart engagierter Weise mit dem Instrument und dem spieltechnisch machbaren auseinandersetzt. Dass es immer noch unerforschte Techniken gibt und man durch mannigfaltige Kombinationen durchaus in neue Territorien von Sounds und Grooves gelangt, das ist Inhalt des aktuellen "Mysterious Drumming" Videos. Neben zahlreichen ausgetüftelten Tricks zeigt das Video auch die Kreativität der stilistischen Seite anhand der Übertragung traditioneller Rhythmen aufs Drumset. Wie man es von Fuchs-Charrier früheren Werken her kennt, setzt auch seine jüngste Arbeit ein sehr hohes Niveau voraus, so dass selbst der ambitionierte Schlagzeuger bei dieser inspirierender Drumlektion wohl einige Nüsse zu knacken hat, will er inhaltliche Komponenten für sich herausfiltern, um sie dann im "Selbstversuch" umzusetzen. Dass Joachim ein brillanter Trommler ist, beweisen seine immer wieder eingeblendeten Solodarbietungen in Form hochtechnischer Geschwindigkeits-Performances. In der chronologischen Abfolge jedoch werden die technischen Strukturen und ideenreichen Basics immer wieder transparent beleuchtet, so dass wichtige Eckpfeiler in Sachen Stilistik, Ursprungsform, Arrangement, Sticking etc. relativ durchschaubar aufgearbeitet werden können. Unterstützend wirkt dabei die Kameraführung (Vogelperspektive) mit übersichtlichen Bildern zu Schlagabfolge, um den Dingen auch mittels optischer Hilfe schneller auf die Schliche zu kommen. Mit offener und lockerer Einstellung gibt Joachim Fuchs-Charrier auch so manche Tricks preis, die sich z.B. mit der "Snap-Up"-Einhandwirbeltechnik oder auch mit verblüffenden Besen-Rolls beschäftigen. Ebenso können außergewöhnliche Schlagtechniken wie der "Single Hand Roll" mit zwei Schlagstöcken (adaptiert von der Marimba-Spieltechnik) oder die "Rocking Motion"-Technik für Fußpedale (auch "Heel/Toe"-Technik genannt) entdeckt werden. Doch all diese höchst brisanten Abenteuer setzten eine gewisse "Reinecke Fuchs"-Mentalität voraus, um die extravaganten Ideen auch sinnvoll im Musikkonzept einsetzbar zu machen. Neben einigen Setgrooves in Form traditioneller Interpretationen (z.B. Guaguanco, Improvisationen über die 2/3-Rumba-Clave etc.) demonstriert er die musikalische Umsetzung rudimentärer Strukturen wie Double Paradiddle, Pata-Fla-Fla, Ratamacue, Four-Stroke-Ruff, Kreuzschlagtechniken (auch triolisch) und Mühlen-Techniken. All diese niveauvollen Anwendungen setzen natürlich totale Unabhängigkeit voraus, zumal gegen Ende des Videos gar afrokubanische Strukturen mit BeBop-Phrasen vermischt werden. Anschließend braucht man erst mal eine gewisse Zeit der Reflektion, um sich gezielt und häppchenweise den "mysteriösen Momenten" zu widmen. Auf jeden Fall hat Joachim Fuchs-Charrier mal wieder ein spektakuläres und gewaltiges Potential an Lernstoff zusammengetragen, was trotz höchster Anforderungen an den Studenten aber eins ganz deutlich klarstellt: Das Musikmachen mit dem Schlagzeug bietet unendlich viele Abenteuer. Hut ab!

Tom Schäfer
Sticks 7/1998
 

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